Die Überraschung aus der Garage - Can Novell

  • 19 October 2013
  • Redakteur
Can Novell

Bei Can Novell hat man kein Interesse an Zertifikaten oder Kritikerpreisen, nur der Kunde zählt.

Ein unscheinbares Haus in einer unscheinbaren Gasse in Binissalem, ein Garagentor als Eingang. Hier also soll sich ein Weingut befinden, wo acht Rot-, drei Weiß-, zwei Rosé-, zwei Süßweine sowie ein sherryähnlicher Wein und Schnäpse produziert werden? Und das alles zu unschlagbar günstigen Preisen? Kaum zu glauben, aber wahr. Andreu Villalonga, 38, dynamischer Binissalemer und vierte Generation einer Winzerfamilie, ist Chef der Bodega Can Novell. Der Junggeselle – „ich bin mit meiner Bodega verheiratet, nur meine Mutter sieht das anders und wartet auf meine Hochzeit“ – ist mit Leib und Seele Weinmacher. „Entweder man gibt 100 % und mehr, oder man lässt es ganz,“ so seine Einstellung.

Das war nicht immer so, denn als sein Vater den jungen Andreu mehr oder weniger unter Druck setzte, in seine Fußstapfen zu treten, träumte dieser stattdessen von einer Karriere als Journalist. Doch nach Studium und etlichen Praktika, aber auch paralleler Mitarbeit in der Bodega, entschied er sich letztendlich für den Wein – freiwillig, und durch ein Önologiestudium besiegelt.

Ist das Garagentor geöffnet, steht man vor etlichen eindrucksvollen Riesenfässern aus alter Eiche, die bis zu 5.000 Liter fassen. Dazu jede Menge kleiner Fässer und Karaffen. Hier kaufen die Binissalemer und auch viele von entfernten Dörfern kommende Insulaner, darunter viele deutsche Residenten ihren Wein – und das schon seit zig Jahren, meist direkt ab Fass. „Ich habe viele Stammkunden, die schon bei meinem Vater oder sogar Großvater den Wein holten.“ Darüber hinaus denkt der rührige Winzer auch umweltbewusst: „Viele nutzen unser Pfandsystem, d. h., man zahlt einmalig eine Pfandgebühr und lässt sich dann immer in die gleiche Karaffe den Wein füllen. Das ist noch effektiver als recyceln.“ Das gleiche System funktioniert übrigens auch in einer kleinen Verkaufsfiliale im Markt von Santa Catalina – für alle jene attraktiv, die nicht erst bis Binissalem fahren wollen.

Die hinteren Räumlichkeiten überraschen durch Attraktivität – schöne Gewölbe, uralter, versiegelter Steinboden, weitere Deko-Riesenfässer aus dem 18. Jahrhundert, antike Gerätschaften inklusive einer traditionellen Weinpresse, Eichenfässer für den Ausbau der Weine und Degustationsmöglichkeiten. Die Umbauten haben zwar viel Geld gekostet, aber nun ist die Bodega auch optisch ein Schätzchen und bezüglich der Qualität ihrer Weine, vor allem in Relation zu den Preisen, ein Geheimtipp. „Wir machen keine Werbung und sind nicht in Supermärkten oder anderen Geschäften vertreten. Nahezu alles läuft über den Direktverkauf – und diese Kunden sind meine Ansprechpartner und Referenz, nicht irgendwelche Regulationsbehörden, D.O.-Gruppierungen, Ämter oder Weinmessen.“ Daher ist er konsequent auch nirgends Mitglied, verkauft seinen Wein auch nicht im Rahmen einer D.O. Nicht mal Binissalem oder Mallorca sind auf dem Etikett vermerkt. Doch das ist Villalonga egal.

Sein Basiswein, der Novell in Rot, Rosé und Weiß, ist auf direkten Verbrauch angelegt und somit eher unscheinbar. Doch schon der Es Vermadors, ebenfalls in Rot, Rosé und Weiß vorhanden (Manto-Negro- und Monastrell-Trauben, 14,5 % Alkoholgehalt), ist gut trinkbar, der Claustre schließlich (Manto-Negro und Syrah-Trauben, 14,5 % Alkoholgehalt) vermag zu begeistern. Sehr speziell ist sein Ranci, für den er einen Weißwein sherryähnlich ausbaut und durch zusätzliche Oxidation altern lässt. Auch wer Süßes mag, hat die Wahl zwischen zwei Kreszenzen.

Eine enorme Palette, aber es gibt Kunden für jeden Wein. So mögen „junge Leute sehr gerne die Süßweine.“ Die Trauben dafür kommen von den gut gepflegten Weinfeldern in der Nähe, ein Teil wird zugekauft, „steht aber auch unter meiner Kontrolle“, sagt Andreu. 2012 feiert man offiziell 80jähriges Jubiläum. „Die Familie war aber wahrscheinlich schon vorher im Weinanbau aktiv, aber das kann ich nicht belegen,“ so Andreu Villalonga, der trotz all seines Wein-Engagements, sich demnächst vielleicht doch mal unter den Schönen seiner Heimat umschaut – damit die Mama auch endlich zufrieden ist...